Auf dem Markt der Künste„Unsere Kultur ist nicht geprägt von der Kultur, unsere Kultur ist ganz geprägt von den Wirtschaftskräften. Da wäre gar nichts gegen einzuwenden, wenn man den richtigen Begriff des Wirtschaftens ins Auge fassen würde. Man muss eine andere Vorstellung von Wirtschaft bekommen.“
Joseph Beuys Man kommt nicht dran vorbei: Wer heute über den Markt der Künste nachdenkt, über Galerien und Kunstvereine, Museen und Fördereinrichtungen, der muss der Tatsache ins Auge sehen, dass die Wirtschaft – also die Kunden, die Mäzene, viele Sammler und die Sponsoren – mehr und mehr das Geschehen bestimmen und Joseph Beuys wohl auf andere Art recht behalten hat, als er dachte. Idealistisch sagte er vor mehr als zwanzig Jahren: „Der Kulturbegriff ist das Wirtschaftsprinzip und umgekehrt.“ Gibt es in Zeiten knapper öffentlicher Kassen noch Raum für Visionen, die im Beuys’schen Sinne heißen könnten: „… dass nur aus der Kunst heraus ein neuer Wirtschaftsbegriff sich formieren kann“? Und existieren auf dem Feld der Galeristen und Kunstförderer noch jene Idealisten, von denen Ruth Händler in der ersten Publikation des Landesverbands Galerien in Baden-Württemberg zu berichten wusste: „Unzufriedene Menschen sind selten anzutreffen unter den Galeristen“, schrieb sie. „Viele von ihnen sind aus anderen, bürgerlichen Berufen umgestiegen und haben ihr früheres Hobby zum Fulltime-Job ausgebaut (…). Über den notwendigen wirtschaftlichen Erfolg hinaus zählt für sie vor allem der ideelle Gewinn, den die Ware Kunst im Gegensatz zu anderen Handels-Produkten zu vermitteln vermag …“ Ruth Händlers Text ist keine zehn Jahre alt. Es hat sich viel verändert in dieser kurzen Zeit. Mittlerweile studieren junge Leute Kulturmanagement, um später Galeristen zu werden. Wer sich für das klassische Kunstgeschichtsstudium entscheidet, dem wird nahe gelegt, doch Jura oder Betriebswirtschaft als zweites Fach zu wählen. Häufig geht es dann vor allem darum zu lernen, wie man für die Kunst um Geld verhandelt, und nicht mehr unbedingt darum, sie in ihren Qualitäten bewerten und historisch einordnen zu können. Im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung konnte man kürzlich lesen: „Zwei Welten womöglich: Kultur und Wirtschaft. Hier die hehre geistige Auseinandersetzung mit Mensch und Welt, dort schnöder Profit, wo beide zusammenkommen, muss einer über den eigenen Schatten springen.“ Meistens springt die Kultur, möchte man hinzufügen. Vielleicht gelingt es den Galeristen unter allen Kunstvermittlern am besten, mit diesem Konflikt umzugehen. Sie springen sowieso hin und her, weil sie vom Markt leben – und umgekehrt lebt der Markt von ihnen. Es sind klare Verhältnisse. Und es wäre ein Fehler, würde man nicht erkennen, was gerade die Galerien für die Kunstszene einer Stadt, einer Region, eines Landes leisten. Als Leiterin der Kunststiftung Baden-Württemberg – einer Einrichtung, die besonders begabte junge Künstler kurz nach Abschluss des Studiums mit Stipendien fördert – weiß ich aus der täglichen Arbeit um die Bedeutung der Galerien für ein Land wie Baden-Württemberg. Dies hat eine Umfrage bestätigt, die die Kunststiftung zusammen mit Irmtraud Michels – Diplomantin des Studiengangs Kulturmanagement der PH Ludwigsburg – im vergangenen Herbst unter ihren Stipendiaten durchgeführt hat. Angeschrieben wurden ehemalige und aktuelle Stipendiaten aus dem Bereich Bildende Kunst. Die Satzung sieht vor, dass diese entweder in Baden-Württemberg geboren sein oder leben müssen. Das gilt nicht mehr für alle, aber noch für die meisten der Angeschriebenen. In ihrer Diplomarbeit hat Irmtraud Michels allgemein gültige Fakten, die vor allem auf Statistiken der Künstlersozialkasse beruhen, den spezifischen Ergebnissen der Umfrage gegenübergestellt. Dabei zeigte sich, dass die schwierigste Phase im Berufsleben der Künstler die Zeit des Übergangs vom Studium in den Beruf ist. Mehr als 80 Prozent der Künstler, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, seien wenige Jahre später nicht mehr im Bereich der Bildenden Kunst tätig, schreibt Irmtraud Michels. Dies hänge mit der Tatsache zusammen, dass es kaum Ausstellungsmöglichkeiten gebe und die jungen Künstler bei den ersten Schritten in die Selbständigkeit ganz auf sich gestellt seien. Der Berufseinstieg der Bildenden Künstler erfolge überdies aufgrund der Studiendauer und einer oft zögerlichen Berufsentscheidung relativ spät. Problematisch sei außerdem, dass jungen Künstlern keine Kreditvergünstigungen oder Subventionen, wie sie Jungunternehmer und Existenzgründer erhalten, angeboten werden. Die Rahmenbedingungen für den beruflichen Einstieg sind also erschwert. Irmtraud Michels schreibt schließlich: „Man kann von Glück sprechen, wenn ein junger Bildender Künstler an einen Galeristen gelangt, der über exzellente Verbindungen in der Kunstwelt verfügt. Unter der Obhut eines solchen Galeristen können seine Werke auf Messen vorgestellt werden, die möglicherweise auf Interesse bei Museen und Kunstvereinen stoßen. Dann können erste größere Ausstellungen organisiert und Kataloge publiziert werden. Ein solcher Werdegang stellt jedoch die Ausnahme dar.“ Diese allgemeine Einschätzung wird durch die Umfrage unter den Stipendiaten bestätigt. Auf die Bitte hin, die Wichtigkeit von Faktoren hinsichtlich des Erfolgs nach Schulnoten zu bewerten, ergab sich eine Skala, bei der der Kontakt zu Galerien auf den ersten Plätzen rangiert. Was die finanzielle Seite angeht, so gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, dass der Verkauf durch Galerien einen wesentlichen Einkommensbeitrag darstellt. In unserem Alltag zeigt sich, was diese Zahlen wirklich bedeuten. Wer eine Akademie verlässt, ist künstlerisch geschult. Was das Management der eigenen Arbeit angeht, sind die jungen Künstlerinnen und Künstler meist unerfahren. Ein Stipendium der Kunststiftung bedeutet für jene, die damit ausgezeichnet werden, die erste Bestätigung des künstlerischen Wegs außerhalb der Akademie. Denn plötzlich gibt es keinen Klassenverbund und keinen Professor mehr, man muss selbst Menschen finden, die die Arbeiten sehen, sich für sie interessieren und womöglich sogar kaufen wollen. Für jeden Künstler, der unsere Juryrunden mit Erfolg durchlaufen hat, ist es eines der wichtigsten Ziele, im Stipendienjahr eine Galerie zu finden, und zwar nicht irgendeine, sondern eben jene, deren Programm man sich verbunden fühlt, deren Haltung der eigenen Position entspricht. Denn eine erfolgreiche Verbindung zwischen Künstler und Galerist sichert nicht nur die wirtschaftliche Situation. Der Galerist übernimmt auch die Rolle des kritischen Beobachters, Partners, Vermittlers, Begleiters – also des Beraters in vielerlei Hinsicht. Berater ist er im Idealfall nicht nur für den Künstler, sondern auch für das Publikum. Wer die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst sucht, der findet sie in den privaten Galerien. Hier kann man noch Entdeckungen machen. Da die großen Museen und Kunstvereine mehr und mehr auf hohe Besucherzahlen und – damit verbunden – auf großzügige Sponsoren angewiesen sind, scheuen sie häufig das Risiko, das Galeristen eingehen, um authentisch und individuell ihr Profil im internationalen Wettbewerb der Kunsthändler zu behaupten. Für den Galeristen können junge Künstler im Programm also auch eine Chance sein: offen, lebendig, neugierig zu bleiben. Gleichzeitig ist das Risiko groß: Wer kauft in wirtschaftlich schlechten Zeiten schon Werke unbekannter Künstler, von denen man nicht weiß, wie sie sich weiterentwickeln und ob sie halten, was ihr Debüt verspricht. Wer die großen Sammlungen in Museen oder Unternehmen kennt, der sieht sich einer großen Eintönigkeit gegenüber gestellt, die nicht gerade dafür spricht, dass die Kuratoren Mut und Eigensinn beweisen. Für viele private Sammler, die nicht immer große Summen zur Verfügung haben, gilt das erst recht. Diese Entwicklung macht die Arbeit der Galeristen nicht einfacher. Das Stipendium der Kunststiftung gilt für viele Verkäufer und Käufer als ein Markenzeichen. Es erhöht die Bereitschaft, sich mit der Arbeit eines unbekannten Newcomers auseinanderzusetzen und erleichtert den Künstlern daher oft den Weg in die Galerien. Tag für Tag landen so Einladungen zu Galerieausstellungen von Stipendiaten auf dem Tisch der Kunststiftung. Und daraus entstand die Idee, eine Gemeinschaftsaktion zwischen den Galerien des Landes und einer der wichtigsten Fördereinrichtungen im Land zu initiieren. Anlass wird nun der 30. Geburtstag der Kunststiftung Baden-Württemberg im Dezember 2007 sein. Damals war die Kunststiftung als unabhängige GmbH von Vertretern aller Landtagsparteien gegründet worden, mit dem Ziel, junge Künstler aller Sparten zu fördern – finanziert vor allem über Spendengelder. Von der Höhe dieser Spenden hängt bis heute die Unterstützung durch das Kunstministerium des Landes ab, das die jeweils erreichte Spendensumme verdoppelt. Durch dieses Modell des Public-Private-Partnership konnten bisher mehr als 800 Künstlerinnen und Künstler gefördert werden. Zum Jubiläum soll die Verbundenheit mit der vielseitigen Galerienszene in Baden-Württemberg und die Verankerung der Einrichtung im Land deutlich gemacht werden. Von September 2007 an werden sechs Monate lang in den Galerien des Landesverbands Ausstellungen mit ehemaligen und aktuellen Stipendiaten stattfinden, die von der Kunststiftung begleitet, beworben und unterstützt werden – an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten, mit unterschiedlichem Rahmenprogramm aus den anderen Sparten. Eine Publikation im Stil eines Reiseführers durchs Land soll das Projekt begleiten und das interessierte Publikum aus den eigenen Städten hinaus in die Regionen führen. Vielleicht ist dieses Projekt ein Anfang für weitere Kooperationen. Denn ohne Partnerschaften zwischen den Institutionen wird die Arbeit für die Kunst- und Kulturszene in den nächsten Jahren noch schwieriger werden. Unsere Gesellschaft definiert sich mehr und mehr als Wirtschaftsgesellschaft. Wer an eine kulturelle Identität glaubt, der muss davon ausgehend neue Gedankenmodelle entwickeln und Gesprächspartner suchen, mit denen er diese realisieren kann. Möglicherweise im Sinne von Joseph Beuys: „Warum das Leben mit Kunst zu tun hat, habe ich immer versucht darzulegen: dass nur aus der Kunst heraus ein neuer Wirtschaftsbegriff sich formieren kann, im Sinne menschlichen Bedarfs, nicht im Sinne von Verzehr und Konsum, Politik und Eigentum, sondern vor allen Dingen im Sinne der Herstellung spiritueller Güter.“ Dass diese Güter ihren Wert und auch ihren Preis haben, dies zu vermitteln bleibt die Aufgabe von uns allen: Galerien, Museen, Vereinen, Stiftungen und Künstlern. Petra von Olschowski Geschäftsführerin der Kunststiftung Baden-Württemberg |